Vor zehn Jahren begann die Junge Tüftler gGmbH mit der Idee, die Welt von Kindern und Jugendlichen durch kreative Ideen, positive Lernsettings und digitaler Bildung zu verändern. In Zukunft bilden: 10 Jahre, 10 Stimmen erzählen zehn wegbereitende Perspektiven aus unserem Team, Schulen und unseren Partnerschaften, was es bedeutet, wenn Neugier auf Ermutigung trifft und junge Menschen darin bestärkt werden, die Welt nicht nur zu verstehen, sondern sie proaktiv und selbstwirksam zu gestalten.
Lesezeit: 10 Minuten
Wenn Neugier und Entdeckungsdrang auf Selbstwirksamkeit und eine Portion Vertrauen in das vermeintlich Unschaffbare treffen, entstehen Möglichkeitsräume, die man fast nur aus Geschichten kennt.
Dr. Julia Kleeberger und Franziska Schmid haben nicht nur geträumt, sondern einfach gemacht und damit den Grundstein für die Entwicklung des TüftelLabs gelegt. Mit der Mission Kindern und Jugendlichen, digitale Bildung durch kreatives Ausprobieren zu ermöglichen, statt sie nur mit Büchern pauken zu lassen, sind sie 2016 gestartet. Im Gespräch erzählen sie von den Anfängen, warum ein klares Wertesystem manchmal wichtiger ist, als eine starre Vision und welche Lernsettings junge Menschen heute wirklich brauchen.
Welches Problem wolltet ihr lösen, als ihr 2016 mit Junge Tüftler gestartet seid?
Julia: Ich weiß noch genau, mit welchem Spirit wir damals gestartet sind: Es gibt da draußen ganz viele tolle Möglichkeiten, wie man programmieren und tüfteln kann. Wir haben damals einen TedTalk von AnnMarie Thomas zum Thema “leitfähige Knete” besucht und waren total inspiriert von dem Gedanken, greifbar zu verstehen, wie wir die Welt gestalten können, anstatt sie nur zu konsumieren. Gleichzeitig haben wir in die Bildungslandschaft geschaut und bemerkt, dass junge Leute kaum Möglichkeiten hatten, an Technik und Gestaltung herangeführt zu werden. Das war einer der Gründe, warum wir gesagt haben: Lass uns einen Makeathon machen! Das war damals der erste Frühlings-Hackathon, den wir veranstaltet haben, um junge Menschen zum Ausprobieren zu animieren und ihnen eine Möglichkeit zu geben, sich zu entfalten und herumzuexperimentieren.
Franzi: Es gab auch so einen gewissen “Selbstmut”. Julia und ich sind keine gelernten Entwicklerinnen oder IT-Fachkräfte. Und trotzdem sind wir durch unsere Arbeit schon immer sehr eng in Kontakt mit Entwicklern und Entwicklerinnen gewesen, die viel zu Coding, Programmierung, Robotik und ähnlichem gearbeitet haben. Eine gesunde Portion Interesse am Lernen selbst und der Gestaltung unseres eigenen Lernprozesses, hat uns da auch gestärkt. Wir wollten uns selbst weiterentwickeln und die Hintergründe verstehen. Der Anfangszauber, mit dem diese ganz magische Motivation einhergeht, sich neue Welten und Wissen zu erschließen, hat uns sehr beflügelt. Wir sind keine IT-Personen, die versuchen, Lernenden auf einfache Art und Weise dieses Fachwissen zu vermitteln, sondern wir waren selbst Anfängerinnen und steckten in den Lernschuhen. Das hat uns ermöglicht, ein gutes Lernsetup zu gestalten, auf einem Niveau, das eher einem Spektrum entspricht, als einer festgeschriebenen Skala.
Wie war es denn, eine Organisation in einem Bereich aufzubauen, der damals noch nicht großflächig etabliert war?
Julia: Neuland. Absolutes Neuland. Damals war die digitale Bildungswelt schon noch eine ganz andere. Die Zeit war einfach total reif dafür. Making und die ganze Welt um Maker Education war ein politisch interessantes Thema. Es gab noch nicht so viele Angebote und wir waren zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, auch wenn wir bis zu dem Zeitpunkt selbst noch keine Organisation aufgebaut hatten.
Franzi: Das Thema Making hat uns auch stark getragen. Die Motivation war Making selbst, nicht per se eine Firma zu gründen. Das hat auch Menschen in unseren Orbit gezogen, die Maker Education und Making wirklich gelebt haben und von der Wirkung überzeugt waren. Mit einem unserer ersten Projekte, dem KidsCraft Camp haben wir über eine Woche lang mit 150 Kindern ein Makercamp gestaltet. Wir waren zu der Zeit voller Energie und auch im Entdeckermodus. Auf die Fragen von Mentoren und Mentorinnen war unsere Standardantwort: Wir wissen es noch nicht, aber bis morgen früh haben wir eine Lösung. Und genau das war und ist bis heute noch der Spirit.
Julia: Vieles kam auch durch unser interdisziplinäres Team zustande. Einige der Workshops, die wir angeboten haben, kamen durch den Input unserer Mentoren und Mentorinnen aus den Bereichen Physik, Musik und Gestaltung oder auch Robotik und Technik. Die Menschen haben ihre Themen eingebracht, und wir haben ihnen den Raum gegeben, sich zu entfalten. Es ging im Kern darum: Mit wem arbeitest du gut zusammen, wo liegen die Expertisen und wie können wir das gut orchestrieren?
Hattet ihr von Anfang an eine klare Vision oder hat sich das Bild erst im Tun, also im Making, entwickelt?
Julia: Was wir von Anfang an hatten, war ein Wertekompass, der uns geholfen hat, uns auf unserem Weg zurechtzufinden. Im Kern war es uns immer wichtig in allem, was wir tun, unseren Nordstern klar vor Augen zu haben: Jungen Menschen Räume zur kreativen Ideenentwicklung zu bieten, ihnen zu vermitteln, dass Fehler wichtig sind, um zu lernen und ihre Selbstwirksamkeit zu stärken. Explorieren und begreifendes Lernen waren für uns dabei immer die Leitlinie. Dabei hat uns auch das Effectuation-Prinzip geholfen, sozusagen mit den Zutaten zu arbeiten, die wir gerade im metaphorischen Kühlschrank haben (lacht).
Franzi: Wir hatten noch nicht die klare und eindeutige Vision, aber wir wussten immer, wofür wir jeden Tag antreten und was unser raison d’être ist. Das hat uns Flexibilität gegeben, Potenziale mitzunehmen. Gerade der Anfangszauber von “alles ist möglich”, hat uns anfänglich total motiviert und trägt uns tatsächlich bis heute.
Was ist Making für euch ganz persönlich? Was hat euch daran ursprünglich begeistert?
Julia: Ich sehe irgendwie sofort ganz viele Kinder vor mir. Sei es der erste Workshop, wo sie mit LittleBits kleine Prototypen gebaut haben, oder als die Kinder angefangen haben, mit Makey Makey die ersten Dinge zu programmieren. Besonders berührt haben mich die Momente, in denen ich gesehen habe, wie sich bei den Kindern und Jugendlichen der Schalter umgelegt hat: „Wow, das funktioniert – ich hab’s gebaut.” Für mich geht es dabei wirklich um das Thema Selbstwirksamkeit. Und das ist etwas unglaublich Dankbares, gerade jetzt, in einer Zeit, in der junge Menschen viel Orientierung brauchen und sich fragen: Was kann ich eigentlich? Wo gehöre ich hin? Wie sieht die Zukunft aus? So vieles ist ungewiss. Wenn sie lernen zu verstehen, dass nicht immer alles glatt läuft, aber sie aus sich heraus die Kraft und die Fähigkeit haben, Lösungen zu finden, kann sie nichts mehr aufhalten.
Diese Lösungsorientierung und Problemlösungskompetenz, so abgedroschen das klingt, bewirkt bei jungen Menschen wirklich etwas ganz Profundes. Ich hatte immer das Gefühl, sie sind gestärkt aus unseren Workshops gegangen. Und das kommt bei mir auch ganz stark zurück. Deswegen ist die Arbeit mit Menschen so schön: Du bekommst direkt etwas zurück, das mit Geld nicht zu ersetzen ist.
Franzi: Das zahlt natürlich auch total auf wichtige Zukunftskompetenzen ein. Am Ende ist Making nichts anderes. Es ist immer gut, einem Konzept einen Namen zu geben, damit Leute sofort anknüpfen können.
Making ist wie Design-Thinking, nur noch intensiver, weil es physisch wird. Das erlebe ich immer wieder, und die Kinder erleben es auch: Du denkst dir ein CAD-Modell aus, druckst es aus und es fällt zusammen, weil die Wandstärke zu dünn war. Blöd. Und dann wieder von vorne. Aber genau dieses Physische berührt Menschen und hinterlässt etwas Nachhaltiges, nicht nur in Form eines Produkts, sondern auch im Nachhall der persönlichen Entwicklung.
Wie können Lernsettings in der Schule die Bedürfnisse junger Menschen stärker einbeziehen?
Franzi: Ich glaube, wir dürfen uns trauen, Schule anders zu denken. Wir beide haben Kinder im schulpflichtigen Alter und wissen, wie der Schulalltag abläuft. Es sollte natürlich unterschiedliche Lernsettings, Inhalte und Arbeitsweisen geben, weil Menschen einfach unterschiedlich sind. Und manchmal liebe ich es auch, mich hinzusetzen und mir frontal ein YouTube-Video reinzuziehen, weil es gerade der Moment dafür ist. Aber Lernsettings sollten immer flexibel sein und die Möglichkeit bieten, auch körperlich mehr Erfahrungsräume für Lernende zu schaffen. Wir lernen total viel durch den Körper und Erfahrungen, die wir in unterschiedlichen Umgebung und mit Werkzeugen machen.
Julia: Im Grunde haben wir dafür bereits die Möglichkeiten. Wir müssen sie nur nutzen. Ich kann mich erinnern, dass ein Schulleiter in Karlsruhe während Corona die ganze Stadt als Lernraum genutzt hat. Er hat verschiedene Orte zur Auswahl gestellt und die Kinder konnten entscheiden, ob sie in die Sternwarte, ins Unternehmen, ins Aquarium oder Ähnliches gehen.
Franzi: Oder einer unserer Lehrer aus Potsdam, der mit seinen siebten und achten Klassen ein Jahr lang aufs Feld geht, weil er sagt, in der Pubertät braucht man einfach andere Lernerfahrungen. Draußen können sie sich körperlich austoben und trotzdem lernen sie in diesem Lernsetting eine Menge über Mathe, Naturwissenschaften, Physik, Sprache und Teamwork. Sie tauschen sich über moderne Landwirtschaft, Umweltschutz, verschiedene Kulturräume und vieles mehr aus.
Es ist wirklich schön, das Gemeinschaftsgefühl in der Schule zu stärken, dass wir als Gruppe etwas bewirken können. Jede Person ist Teil eines großen Puzzles. Und das meine ich nicht in Form von Vereinzelung, sondern als Empowerment der Individualität, um das Gemeinsame zu stärken.
Wie fühlt es sich für euch an, zehn Jahre nach der Gründung auf das zu schauen, wo Junge Tüftler jetzt steht?
Julia: Ich blicke mit ganz viel Stolz auf das TüftelLab. Ich freue mich riesig zu sehen, dass die Vision, die wir damals hatten, mit so viel Herzblut, neuen Ideen und Impulsen vorangetrieben wird.
Franzi: Mir geht’s ganz genauso. Auch das Vertrauensverhältnis, das wir weiterhin zu den Geschäftsführerinnen Sabrina, Claudia und dem gesamten Team pflegen ist ganz besonders und etwas, auf das ich sehr stolz bin. Ganz oft gehe ich auf Veranstaltungen und höre, was das TüftelLab auf die Beine stellt und weiß gar nicht so ganz genau, von welchem Projekt gerade die Rede ist. Und trotzdem weiß ich: Es ist einfach toll, welche Kreise das TüftelLab zieht und welches Vertrauen ich in die Umsetzung habe.
Am Ende des Tages ist das ganze ein Ökosystem: Es sind die Menschen, die das Unternehmen prägen und ihm seine Identität geben. Und ich finde es total toll, dass es ohne uns auch so gut und so florierend weiterlebt und wir gleichzeitig noch ein Puzzleteil des großen Ganzen sind.
Was würdet ihr euren Anfänger-Ichs jetzt mitgeben?
Julia: Vorher nochmal richtig lange schlafen (lacht).
Franzi: Ich glaube, da kann ich für uns beide sprechen: No regrets! Es war genau richtig, wie wir den Weg gegangen sind. Und natürlich haben wir Fehler gemacht. Aber wir haben uns immer besprochen und Lösungen für jede Herausforderung gefunden. Und genau so ist ja auch das Leben.
Das heißt nicht, dass es nicht schwer war. Und das heißt nicht, dass wir nicht auch schlaflose Nächte hatten und uns oft gefragt haben, wie wir das schaffen sollen. Aber wir haben es dann immer irgendwie geschafft. Und was gibt es Schöneres, als die eigene Lebenszeit gut verbracht zu haben, mit Menschen, die zusammen an etwas Großem tüfteln. Junge Tüftler war nie nur ein reines Unternehmen. Die Essenz war stets, junge Menschen etwas mitgeben zu können und ihnen den Möglichkeitsraum zu eröffnen, Gesellschaft und Zukunft zu gestalten.
Julia: Und für mich ist es auch immer ein Gegenentwurf, der zeigt, wie Unternehmertum auch anders funktionieren kann – als Sozialunternehmertum.
Franzi: Grundsätzlich geht es natürlich darum, Gesellschaft zu gestalten. Gleichzeitig geht es aber auch darum, wie man das schafft. Der unternehmerische Ansatz ist wichtig. Es braucht ein professionelles Umfeld. Und dieser Wert muss auch monetär abgebildet werden. Und das sollte in Unternehmen auch eine zentrale Rolle spielen: nicht nur die Frage „Wie könnte eine Gesellschaft sein?“, sondern auch „Wie kommen wir operativ dahin?“ Was müssen wir tun, um das erreichen zu können? Unternehmertum ist dafür ein wunderbarer Hebel.
Wie sieht Bildung im Jahr 2036 aus?
Julia: Es gibt einen Spruch, der mich schon immer begleitet hat: “Du kannst niemanden bilden, du kannst Menschen nur einladen, sich zu bilden.” Ich glaube, Bildung funktioniert zwar auch im individuellen Raum, aber auch ganz viel in der Reflexion mit anderen. Und für diese Reflexion können digitale Technologien und die zugehörigen Kompetenzen eine tolle Unterstützung bieten.
Franzi: Wenn wir jetzt mal an 2016 denken, im Vergleich zu jetzt: Es gibt so viel mehr Makerspaces, so viel mehr Angebote für Schulen. Das Bewusstsein, welche Wertigkeit das überhaupt hat, ist meiner Ansicht nach sehr gestiegen. Es geht immer Vorwärts, wenn auch nicht in der Geschwindigkeit, die wir uns alle wünschen. Ich glaube, dass der Druck durch den schnell wachsenden technologischen Fortschritt definitiv sicht- und spürbar ist und dadurch natürlich auch steigt mitzuziehen. Ich hoffe, dass wir dieser Entwicklung weiterhin mit einem offenen und proaktiven Mindset begegnen: Wir erleben den Fortschritt nicht nur, wir sind selbst der Fortschritt, den wir gestalten.
Ich denke auch, dass die Räume noch stärker verschwimmen werden. Wir haben ein ganz starkes außerschulisches Bildungsnetzwerk, das viel Potenzial in sich trägt.
Julia: Genau, wir haben schon so viele Ressourcen, wir müssen sie nur besser systemisch integrieren. Ich würde mir wünschen, dass wir 2036 all die tollen Lösungen und Ideen aus unseren Netzwerken und auch aus der TüftelAllianz zusammenstricken, um Bildung für junge Menschen zukunftsorientierter, nachhaltiger und wirkungsvoller zu gestalten.
Franzi: Ich würde mir wünschen, dass wir diese historischen, gesellschaftlichen Einschnitte, wie beispielsweise die Entwicklung von KI und LLMs, mit positiven Geschichten besetzen und nicht nur mit dystopischen Erzählungen. Es ist immens wichtig, nicht nur auf den negativen Impact, den etwas haben kann, zu schauen, sondern auch auf die Möglichkeitsräume, die entstehen und diese mitzugestalten.